Archäologische Quellen zur Innenausstattung frühmittelalterlicher Kirchenbauten

Da die aus unserem Untersuchungsraum bekannten spätantiken und frühmittelalterlichen Kirchenbauten in der Regel nur durch Grabungen und in fast allen Fällen(46) nur im Grundriss bekannt sind, haben sich von der Innenaustattung dieser Kirchen naturgemäss nur sehr geringe Reste erhalten. Unser Wissen über die Gestaltung des Innenraums merowingerzeitlicher Kirchen im früheren Erzbistum Trier ist daher noch lückenhafter, als dies schon für die äussere Gestalt des Baukörpers der Fall ist.

Die bislang bekannten Elemente der Innenaustattung lassen sich drei unterschiedlichen Kategorien zuordnen:

Bestandteile der architektonischen Ausgestaltung des Kirchenraums

Von solchen Architekturteilen merowingerzeitlicher Kirchen liegen aus unserem Untersuchungsgebiet bislang nur sehr wenige Beispiele vor:

Bestandteile von Anlagen mit liturgischer Funktion

Aus dieser Kategorie liegen bislang vor allem Fragmente sogenannter Chorschrankenanlagen vor. Funktion dieser mehr oder weniger aufwendig verzierten, in Holz oder Stein ausgeführten(47) und zusätzlich farbig(48) gestalteten Anlagen war es war, den Kirchenraum mit den Gläubigen von dem nur den Priestern vorbehaltenen presbyterium abzugrenzen.

Bislang sind in unserem Untersuchungsraum Teile von insgesamt zwölf solcher Anlagen entdeckt worden (vgl. Abb. 6). Indirekt gelang der Nachweis für die Existenz solcher Anlagen darüber hinaus in drei weiteren Fällen durch Auffinden des Schrankenfundamentes, nämlich für die spätantike Südkirche unter dem Trierer Dom (33) sowie für die merowingerzeitlichen Kirchen in Mousson (5) und in Boppard (12).

Kirchenbau Datierung
Andernach-St. Thomas (10) 6./7. Jh.
Boppard-St. Severus (12) 6. Jh.
Dugny-sur-Meuse(49) 7/8 Jh.
Cheminot-St. Maurice(50) 8. Jh.
Echternach (15)(51) frühes 8. Jh.
Echternach (15)(52) 9. Jh.
Gondorf (53) frühes 7. Jh.
Metz- St. Etienne (2)(54) Mitte 8. Jh.
Metz-St. Pierre-aux-Nonnains (4)(55) 7. oder 8. Jh.
Metz-St. Victor(56) 2. H. 8. Jh. (?)
Metz-St. Arnoul (St. Apôtres)(57) 8. Jh. (?)
Mousson (5) 7. Jh.
Trier-St. Mathias (38)(58) um 454
Trier-Nordkirche unter dem Dom (34) um 910
Trier-Südkirche unter dem Dom - Bau Ia (34) kurz nach 356
Trier-Südkirche unter dem Dom - Bau IV (34) 8. Jh.
Wasserbillig(59) 4./5. Jh.

Abb. 6: Archäologisch nachgewiesene frühmittelalterliche Chorschrankenanlagen in der Kirchenprovinz Trier.

Da alle bislang in unserem Untersuchungsraum entdeckten Teile solcher Anlagen ausserhalb ihres ursprünglichen archäologischen Kontextes gefunden wurden, stellt ihre genaue Datierung ein schwieriges Unterfangen dar, da lediglich auf stilistische Kriterien zurückgegriffen werden kann. Auch schriftliche Quellen helfen uns kaum weiter, allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme. Für Metz erwähnt Paulus Diacon in seinem Ende des 8. Jh. verfassten Bericht über die Veränderungen, die der hl. Chrodegang (742-766) im Chorbereich der Kirchen von Saint-Pierre-le-Majeur sowie der Kathedrale St. Etienne (2) vorgenommen hatte, auch die Aufstellung von Chorschranken. Einige Fragmente der Anlage aus St. Etienne sind erhalten und werden heute in der Krypta der Kathedrale aufbewahrt. Es wäre daher verlockend, die bekannten Beispiele solcher Anlagen im Metzer Raum mit dem Wirken Chrodegangs in Verbindung zu bringen und sie einheitlich in die zweite Hälfte des 8. Jh. zu datieren. Dass dies jedoch zu einfach gedacht wäre, zeigt u.a. die Anlage von Saint-Arnoul, die ganz eindeutig Elemente unterschiedlicher Zeitstellung miteinander verbindet.

Über die räumliche Gestalt dieser Anlagen verfügen wir nur über spärliche und zudem widersprüchliche Informationen. In Mousson (5) wurde das im 7. Jh. auf den Chorbereich beschränkte presbyterium in karolingischer Zeit durch eine in den Kirchenraum hineinragende und gegenüber diesem überhöhte quadratische Estrade erweitert. Für die von Chrodegang in der Metzer Kathedrale eingerichtete Anlage dagegen vermitteln bildliche Darstellungen in dem um 850 datierten Sakramentar des Drogo den Eindruck einer einfachen gradlinigen Schranke. Ebenfalls gradlinig sind auch die Schrankenfundamente von St. Severus in Bopppard (12) und aus dem Trierer Dom (34). In Saint-Pierre-aux-Nonnains (4) konnte das gradlinige Mauerfundament der östlichen Estrade, die das merowingerzeitliche presbyterium trug, ergraben werden. Allerdings bleibt unsicher, ob dieses bereits in merowingischer Zeit durch eine Schranke vom übrigen Kirchenraum getrennt war(60). Unter den erhaltenen Teilen der karolingerzeitlichen Chorschrankenanlage aus St. Pierre-aux-Nonnains befindet sich jedenfalls auch ein mit drei Fugen versehener Pfeiler, eindeutiger Hinweis darauf, dass zu diesem Zeitpunkt die Anlage zumindest ein aus der geraden Linie vorspringendes Element aufwies.

Ein weiteres Element der Innenausstattung mit liturgischer Funktion ist der erhöhte und baulich herausgehobene Ort zur Schriftlesung, der sog. Ambo. Bislang ist er archäologisch nur für fünf merowingerzeitlichen Kirchenbauten unseres Untersuchungsgebiet nachgewiesen (vgl. Abb. 9)(61).

Kirchenbau Datierung
Boppard-St. Severus (12) 6. Jh.
Echternach (15)(62) frühes 8. Jh.
Trier-Nordkirche Bau IIIa (34) Nach der Restaurierung unter Niketius errichtet, nach der Zerstörung von 882 entfernt
Trier-Südkirche Bau III (34) Nach der Zerstörung von 451 errichtet, im 8. Jh. zugunsten einer rechteckigen schola cantorum aufgegeben
Trier-St. Maximin Bau Ic (34) 6. Jh.

Abb. 9: Archäologisch nachgewiesene frühmittelalterliche Amboanlagen in der Kirchenprovinz Trier

Bestandteile von architektonisch gestalteten Heiligengräbern

Ein dritter Bestandteil der Innenausstattung frühmittelalterlicher Kirchen, dessen archäologischer Nachweis in der Kirchenprovinz Trier bislang gelungen ist, bilden obertägige sichtbare und architektonisch ausgestaltete Heiligengräber. Die Sichtbarmachung und Zugänglichmachung solcher Grabstätten erfolgte seit dem 7. Jh. im Rahmen des sich entwickelnden frühmittalterlichen Heiligenkultes (63), dabei kam der “Erhebung” der Gebeine eine zentrale Stellung im Prozess der Kanonisierung zu (64).

Aus Platzgründen kann hier nicht auf den Gesamtbestand der in unserem Untersuchungsraum bislang bekannten und archäologisch untersuchten frühmittelalterlichen Heiligengräbern eingegangen werden. Im Rahmen des vorliegenden Beitrags soll aber zumindest das Echternacher Besipiel kurz Erwähnung finden.

Als Willibrord im Jahre 739 - wahrscheinlich am 7. November - in Echternach verstarb, hatte er in einem bereits 726 verfassten unfangreichen Schenkungsakt an das Kloster festgehalten, dass er dort seine letzte Ruhe finden wollte (65). Damit war der Ausgangspunkt für einen in den nächsten Jahrzehnten in Echternach schrittweise und planmässig eingeführten Heiligenkult gesetzt, der das Kloster bald schon zu einem bedeutenden Wallfahrtszentrum machen sollte(66). In Echternach lassen sich die einzelnen Elemente der Etablierung eines solchen frühmittelalterlichen Heiligenkultes in geradezu lehrbuchhafter Weise aufzeigen. Nachdem der Klostergründer zunächst im Chorraum der Klosterkirche in einem gewölbten Bodengrab an der Rückseite des Altars beigesetzt worden war(67), erfolgte bereits wenige Jahre später die translatio seiner Gebeine als sichtbares Zeichen seiner Kanonisierung. Wahrscheinlich noch vor der Mitte des 8. Jh. wurde für den Heiligen ein neues Hochgrab errichtet: der Sarkophag Willibrords wurde “erhoben” und für alle sichtbar im Chorraum vor dem Altar aufgestellt. Zu diesem Zweck wurden die steinerne Chorschrankenanlage sowie die steinerne Lesebühne abgebaut, Teile der Chorschrankenanlage aus Marmor wurden wiederverwendet, um eine kleine, 1,56 m auf 1,12 m messende Umschrankung des Sarkophags zu errichten. Dieses um die Mitte des 8. Jh. errichtete Hochgrab wurde dann einige Zeit später nochmals dadurch verändert, dass die Aussenseite der Schrankenanlage mit grünen Marmorplatten verkleidet wurde und der Chorraum einen neuen, höher gelegenen Estrich erhielt(68). Um das Jahr 796 verfasste dann Alkuin seine Vita Willibrordi, ein Werk, welches die Grundlage der weiteren Verbreitung des Wilibrorduskultes bilden sollte und im 9. Jh. auch grosse Verbreitung erlangte(69).

Der Erfolg des neuetablierten Willibrordskultes in Echternach, der sich u.a. im sprunghaften Ansteig der Schenkungen an das Kloster ablesen lässt, führte bereits um die Wende vom 8. zum 9. Jh. zu einem solchen Zustrom an Gläubigen, dass der Bau einer neuen dreischiffigen Klosterkirche mit zwei Chören als Ersatz für die zu klein gewordene merowingische Klosterkirche notwendig wurde(70). Anlässlich des Neubaus wurde die merowingische Kirche vollständig abgetragen, auch die Umschrankung des Heiligengrabs im Chorraum wurde wohl bei dieser Gelegenheit entfernt und zerschlagen(71). Dass dabei das Grab des Heiligen - wahrscheinlich in Form einer kleinen confessio - auch weiterhin den Gläubigen zugänglich blieb, darf angenommen werden(72). Die Innenaustattung der dreischiffigen Kirche scheint, nach dem Wenigen was wir davon kennen, ebenfalls sehr aufwendig gewesen zu sein: erhalten sind mehrere Fragmente von marmornen Chorschranken mit unterschiedlichen Flechtbandmustern(73). Nicht nur in ihren Dimensionen, sondern auch in ihrer inneren und äusseren Gestalt entsprach die neuen Echternacher Klosterkirche somit der Bedeutung eines Wallfahrtzentrums, in dem mittlerweile Wunder und Heilungen an der Tagesordnung waren(74) und zu dem Pilger nicht nur aus der näheren und weiteren Umgebung strömten, sondern, nach dem Zeugnis Theofrids, ab universa Gallie ac Germanie provincia(75).