Viehhaltung und Viehzucht
In vorrömischer Zeit hat die einheimische keltische Bevölkerung Viehhaltung betrieben, die Viehzucht scheinen dagegen erst die Römer eingeführt zu haben. Die Haltung und Zucht von Nutztieren beschränkte sich in den nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches auf Pferd, Rind, Schaf, Ziege, Hund, Huhn, Gans und Taube. Der Esel spielte als Arbeitstier nur eine sehr untergeordnete Rolle. Maultiere hat man offenbar im Nordwesten nicht selbst gezüchtet, sondern aus dem Mittelmeerraum importiert. Das Vorkommen von Hausenten kann bislang in unseren Gegenden für die römische Zeit nicht nachgewiesen werden, es ist fraglich, ob es in der Römerzeit überhaupt eine intensive Entenhaltung gegeben hat.
Im Vergleich zur Viehhaltung der Kelten und Germanen zeichnet sich die römerzeitliche Tierwirtschaft in den Nordwestprovinzen durch ein Vorherrschen der Rinderzucht und eine Intensivierung der Hühnerhaltung aus. Nach Untersuchungen von Knochenfunden in Siedlungen zu schliessen, hatte in keltischer Zeit das Schwein einen sehr hohen Anteil am Viehbestand ( Schwein-Schaf-Ziege im Verhältnis 3 : 2 : 1), in der römischen Zeit stieg dann der Anteil der Rinder stark an.
Durch Einführung grosswüchsiger Stiere und deren gezielte Einkreuzung in die einheimischen Populationen gelang es, die Körpergrösse der Rinder zu steigern. Die römerzeitlichen Rinder unterschieden sich folglich häufig durch ihren höheren Widerrist sowie ihre kräftigere Behornung von den keltischen und germanischen Tieren. Allerdings verschwanden die kleineren einheimischen Rassen nicht vollständig, wohl auch deshalb, weil sie sehr gut an die örtlichen Standortverhältnisse angepasst waren und mit der bestehenden Tradition der Waldweidehaltung mit geringer (Winter)zufütterung gut zurechtkamen. Im Bereich der Rinderzucht ist für die römische Periode in unseren Gegenden also anders als bei der Pferdezucht von Veredelungs- und nicht von Verdrängungszucht auszugehen. Das römerzeitliche Interesse an verbesserten Rinderpopulationen verwundert nicht, denn Rinder waren in mehrfacher Hinsicht von Interesse, lieferten sie doch Dung, Häute, Milch und Fleisch und waren darüber hinaus die wichtigsten Arbeitstiere. Begünstigt wurde die Rinderhaltung sicherlich auch durch die Rodungstätigkeiten in römischer Zeit, denn durch sie wurden zunehmend Weideflächen erschlossen. Die Untersuchung der Grünlandarten in den botanischen Resten aus römerzeitlichen Gutshöfen zeigt, daß das Vieh bis weit in den Sommer hinein fast ausschliesslich auf der Weide gehalten wurde und Heu für die Wintermonate somit erst relativ spät (Ende August/September) eingebracht werden konnte. Offenbar wurde das Vieh nach der Ernte auf die Felder getrieben, was den Weidegründen erlaubte, sich zu regenerieren und die nötigen Wintervorräte zu liefern. Es gab in römischer Zeit durchaus auch gepflegtes und eventuell sogar gedüngtes Wirtschaftsgrünland. Allerdings waren einer aufwendigen Wiesenpflege enge Grenzen gesetzt und somit standen solche Flächen wohl nur für besonders wertvolle Tiere wie Pflugochsen oder Zuchtrinder zur Verfügung.
Schweine, Schafe und Ziegen wurden dagegen wie schon in der vorrömischen Eisenzeit weiterhin fast ausschliesslich extensiv gehalten, die Umweltbedingungen, insbesondere die ausgedehnten Laubmischwälder, boten hierfür ideale Voraussetzungen. Eine besondere Veredelung durch Züchtung lässt sich für diese Tierarten innerhalb der römischen Zeit nicht nachweisen. Knochenfunde lassen allerdings den Schluss zu, dass römerzeitliche Schweinezüchter sich um einen höheren Fleisch- und Fettansatz bemühten., indem sie die Tiere später als in der vorrömischen Eisenzeit schlachteten (durchschnittlich erst mit 1,5 bis 2 Jahren) und sie zur Erhöhung der Mastfähigkeit kastrierten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Zucht, Haltung und Pflege von Nutztieren in der römischen Zeit in unseren Gegenden insgesamt auf einem Niveau betrieben wurde, das nach dem Ende der Römerherrschaft erst im Verlauf des 19. Jh. langsam wieder erreicht wurde.