Die Gesamtanlage und die einzelnen Bestandteile des römischen Gutshofes
Zu jedem römischen Gutshof gehörten neben dem sog Herrenhaus, d.h. dem Wohngebäudes für den Besitzer oder Verwalter des Guts, stets auch mehrere (in Goeblingen mindestens sechs, in Wasserbillig-Langsur mindestens sieben) Wirtschaftsgebäude: Ställe für die verschiedenen Tierarten, Scheunen und Speicher sowie Schuppen für die landwirtschaftlichen Gerätschaften. Ob einige dieser Gebäude darüber hinaus auch Wohnraum für das Gesinde des Gutshofes boten, ist bis jetzt unklar. Nicht übersehen werden darf ferner, daß bestimmte Anlagen (wie z.B. Bienenstöcke, kleinere Schuppen u.s.w.) aufgrund ihrer leichten Holzbauweise keine oder nur sehr schwache Spuren hinterlassen haben, dadurch bei den Ausgrabungen oft nicht entdeckt wurden und somit auf den Gesamtplänen fehlen.
Bei kleineren Anlagen wie Goeblingen oder Wasserbillig-Langsur lagen die Wohn- und die Wirtschaftsgebäude mehr oder weniger unregelmäßig verstreut innerhalb einer die gesamte Anlage umschließenden Umfassungsmauer. Bei größeren Anlagen, z.B. in Echternach, sind Wohn- und Wirtschaftstrakt dagegen meist durch einen Hof und eine Mauer klar voneinander getrennt, die Nebengebäude sind hier symmetrisch um einen zweiten, gesonderten Innenhof herum angeordnet.
Da wir nur über sehr wenige Ausgrabungen verfügen, bei denen alle Teile einer römischen Gutsanlage untersucht worden sind, können wir unterschiedliche Größenordnungen von Gutshöfen bisher nur auf der Grundlage der Fläche des Wohngebäudes unterscheiden. Dabei ergeben sich drei verschiedene Gruppen:
Leider bilden die Wirtschaftsgebäude bislang den am schlechtesten bekannten Teil der in Nordgallien erforschten villae rusticae. Unsere diesbezüglichen Kenntnisse sind nur sehr lückenhaft, da nur selten Villenanlagen vollständig ausgegraben wurden und zudem bei älteren Grabungen, welche die Nebengebäude mit erfaßten, sehr oft keine Proben entnommen, die für naturwissenschaftliche Untersuchungen herangezogen werden könnten. Ohne solche Untersuchungen, etwa Pollenanalyse oder Untersuchung des Stickstoffgehalts des Erdreichs, ist es aber meist sehr schwer, die genaue Funktion der einzelnen Wirtschaftsgebäude zu bestimmen. Allgemein lassen sich unterscheiden
1. Gebäude oder Anlagen im Zusammenhang mit dem Ackerbau
a. Flächen zum Dreschen des Getreides (lat. area)
Bis zum Einsatz von Mähdreschern waren solche Flächen ein unverzichtbarer Bestandteil jedes Gutshofes. Die lateinischen Agrarschriftsteller beschreiben Dreschplätze aus gestampftem Erdboden, aber auch gepflasterte und sogar mit Ziegelplatten belegte Flächen. Das Dreschen konnte mit Hilfe von sogenannten Dreschflegeln geschehen, wurde aber wohl auch mit dem von Varro erwähnten tribulum durchgeführt, einem Dreschschlitten, also einer Art Egge, die mit Eisenzähnen oder Silexspitzen bestückt war und mit Hilfe eines Zugtieres über das Getreide gezogen wurde.
Bei der Untersuchung der Villa von Newel stießen die Ausgräber auf eine mit Estrichboden ausgelegte Fläche von ca 10 auf 10 Metern mit einem Abflußkanal. Auch Spuren einer Überdachung konnten festgestellt werden. Diese Anlage wurde als Dreschplatz gedeutet.
Darüber hinaus fehlen für Nordgallien bislang weitere Belege. Dies erklärt sich vermutlich dadurch, daß in vielen kleinen und mittleren Gutshöfen das Getreide im Zentralraum der Scheune gedroschen wurde, wie das ja auch in der modernen Landwirtschaft noch bis ins 20. Jahrhundert hinein der Fall war.
b. Anlagen zum Trocknen des Getreides ?
Aus Britannien kennen wir eine ganze Reihe, aus Nordgallien dagegen bislang nur einige wenige T-förmigen Strukturen, die lange Zeit als Anlagen zum Trocknen von Getreide interpretiert wurden. Die lateinischen Agrarschriftsteller allerdings erwähnen nichts dergleichen. Neuere Forschungen tragen überdies dazu bei, den vorgeschlagenen Verwendungszweck in Zweifel zu ziehen. Bei experimentalarchäologischen Versuchen stellte sich nämlich heraus, daß die erreichten Temperaturen (60-70 Grad) zu hoch liegen und der Feuchtigkeitsgehalt der Getreidekörner nur unbedeutend abnimmt. Außerdem benötigt man zum Trocknen einer bescheidene Menge von 10 Tonnen Getreide in einer solchen Anlage etwa 70 Tage! Ein neuer Erklärungsansatz sieht in diesen Strukturen Anlagen zum Mälzen von Gerste vor der Bierherstellung.
c. Getreidspeicher
Die lateinischen Agronomen räumen der Beschreibung dieser Gebäude einen großen Stellenwert ein, was angesichts ihrer Bedeutung für die Villa als Wirtschaftsbetrieb ja auch nicht verwundert. Varro betont, daß die Speicher den trocknen Nord- und Ostwinden zugänglich sein müssen, er empfiehlt als Boden- und Mauerbelag Marmorstaub. Columella beschreibt über Leitern zu erreichende Speicher mit verschiedenen Kompartimenten für die unterschiedlichen Getreidearten.
Bislang lassen sich in nordgallischen Villenalagen drei verschiedene Gebäudetypen mehr oder weniger sicher als Getreidespeicher ansprechen:
2. Gebäude oder Anlagen im Zusammenhang mit der Viehzucht
Die Gebäude, die mit der Aufzucht von Vieh in Zusammenhang stehen, gehören zu den am schlechtesten untersuchten. Es wäre also verfrüht, eine Typologie aufstellen zu wollen. Einigermaßen sicher als Ställe anzusprechende Gebäude wurden in den Gutshöfen von Neerharen-Rekem und Nobressart entdeckt. Als Hauptargument für die Interpretation als Stall werteten die Ausgräber dabei die Neigung des Innenbodens, welche das Abfließen des Tierurins ermöglichte.
Auch die lateinischen Agronomen räumen der Beschreibung von Ställen einen sehr viel geringeren Stellenwert ein als derjenigen etwa der Speicherbauten für das Getreide oder der Lagerräume für Wein und Öl. Varro betont lediglich, daß die Ställe für die Rinder im Winter am wärmsten sein und eine Steinpflasterung aufweisen sollen, um die Hufe der Tiere gesund zu halten. Der Boden der Schafställe soll dagegen eine Neigung aufweisen, damit der für die Wolle schädliche Urin problemlos abfließen kann. Palladius (ein Schriftsteller des 4. Jh. n. Chr.) empfiehlt für Pferdeställe einen Holzfußboden, der für die Hufe hart genug, für die Flanken weich und nicht zu kalt sei.
Was den Tiermist betrifft, so betonen die lateinischen Agrarschriftsteller, daß jeder Gutshof zwei verschiedene Mistgruben (lat. sterculinum) benötige oder aber eine große, die unterteilt ist, denn der frische Mist müsse eine Zeitlang abgelagert werden. Nur älteren, abgelagerten Mist solle man auf die Felder ausbringen.
3. Gebäude mit handwerklicher Funktion
Bislang liegen für ganz Nordgallien in der frühen und mittleren Kaiserzeit nur spärliche Hinweise auf handwerkliche Produktion im Rahmen von römischen Gutshöfen vor. Natürlich finden sich in zahlreichen Villenanlagen Reste von Schmiedewerkstätten. Aber dabei handelt es sich lediglich um kleine Werkstätten zur Reparatur oder Umänderung landwirtschaftlicher Geräte. Eindeutige Hinweise auf Eisengewinnung oder auf Produktion von Metallgegenständen in größerem Maßstab fehlen bislang völlig.
Gleiches gilt auch für die anderen handwerklichen Bereiche wie Textilherstellung, Töpferei, Leder- oder Beinverarbeitung. Bislang deutet alles darauf hin, daß wir in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. in Nordgallien mit einer eindeutigen Arbeitsteilung zu rechnen haben: die Rohstoffe wurden von den über das Land verstreuten Gutshöfen produziert, aber nicht dort weiterverarbeitet. Dies geschah in den sogenannten vici, also kleinen Landstädten (in Luxemburg gab es solche vici in Mamer, Dalheim, Altrier, Wasserbillig und auf dem Titelberg), in denen die verarbeitenden Handwerksbetriebe angesiedelt waren. Ganz offensichtlich funktionierten die römischen villae rusticae in dieser Zeit nicht als autarke Siedlungsgemeinschaften, sondern waren im Gegenteil eingebunden in einen offenen, auf Geldwirtschaft beruhenden Wirtschaftskreislauf.
Was die Gestaltung der in den meisten Fällen besser bekannten Wohngebäude anbelangt, so stellen wir in unserem Gebiet eine ganz erstaunliche Uniformität fest. Architektonisch betrachtet sind fast alle bekannten Wohngebäude Varianten eines einzigen Grundtyps, der sogenannten Eckrisalitvilla mit nach außen offener, säulengestützter und überdeckter Galerie (lat. porticus).
In seiner einfachsten Grundform liegt dieser Typ in der Villa von Bollendorf vor, die Anfang des 2. Jh. n. Chr. entstanden ist. Einem zentralen Raum mit Feuerstelle ist eine nach der Fassade hin offene Galerie angelehnt, die an beiden Ecken durch vorspringende Ecktürme, die sog. Risalite, eingefaßt ist. Eine gute Parallele hierzu bildet das Wohngebäude der 1982 vom Luxemburger Nationalmuseum für Geschichte und Kunst im Rahmen einer Notgrabung untersuchten Villa von Wasserbillig/An de Freinen. Das in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts erbaute Herrenhaus wies in der ersten Phase die Außenmaße 23 auf 15 Meter auf.
Der gleiche Grundtyp liegt aber auch den größeren Anlagen zugrunde. Bei palastähnlichen villae rusticae wie Mersch oder Walferdingen können aus den zwei einfachen Eckräumen bzw. Ecktürmen allerdings ganze Seitenflügel mit komplexer Innenstruktur werden.
Als weiterer Beleg kann auch das Prunkstück der luxemburgischen Villenarchäologie gelten, nämlich die Anlage von Echternach-Schwarzuecht: Sie ist außergewöhnlich früh entstanden, und zwar bereits in spätneronischer Zeit (Regierungszeit des Kaisers Nero: 54-68 n. Chr.), besaß wohl keine Vorgängerbauten und ist aus einem Guß neu konzipiert worden. Wie man am Grundrißplan deutlich erkennen kann, gehört auch hier das Wohngebäude eindeutig zum Typ der Portikusvilla mit Eckrisaliten.
Vor allem in den großen Anlagen, in manchen Fällen auch bei bescheideneren Gutshöfen wie z.B. demjenigen von Mondercange war der Hauptfassade ein langrechteckiges Wasserbecken vorgelagert. Diese Becken erfüllten verschiedene Funktionen. Bei prunkvoll ausgestatteten Komplexen wie Mersch oder Echternach stand sicherlich die repräsentative Wirkung im Vordergrund, daneben ist aber auch mit einer wirtschaftlichen Nutzung solcher Becken , etwa zur Fischzucht, zu rechnen. Auch als Tränke für das Vieh konnten sie dienen.
Als Baumaterial für die Wohngebäude und teilweise auch die Wirtschaftsgebäude dienten Hausteine sowie gebrannte Ziegel. Der Mörtel wurde aus gebranntem Kalk und Sand hergestellt. Eine weitere, typisch römische Bautechnik war das sog. Gußmauerwerk. Dabei wurden hölzerne Schalwände errichtet und der Zwischenraum anschließend mit einem Gemisch aus Bruchsteinen, Ziegelfragmenten und Kalkmörtel verfüllt. Zwischenwände und eventuell ein oberes Stockwerk konnten auch in Fachwerktechnik errichtet werden. Die Außenwände der Gutshofsgebäude wurden mit einem wasserundurchlässigen Kalkmörtelbewurf versehen, der auch eingefärbt sein konnte. Außenwände aus regelmäßig gearbeiteten Steinquadern wurden mit (häufig rot gefärbtem) Fugenstrich versehen.
Als Dachabdeckung wurde fast ausschließlich eine Kombination von gebrannten Flachziegeln (lat. tegula) und halbrund gewölbten Ziegeln (lat. imbrex) verwendet.
Das rauhe Klima des Treverergebietes machte in den Wohngebäuden eine Verglasung aller Fensteröffnungen unerläßlich. Benutzt wurden hierzu kleinere Glasscheiben, welche auf einer mit Sand bestreuten Platte gegossen oder aus einem geblasenen und anschließend aufgeschnitten Zylinder ausgerollt wurden. Sie wurden anschließend in ein Holzgitter eingesetzt oder mittels Blei aneinandergefügt. In Aussehen und Lichtdurchlässigkeit erinnerten sie an die sogenannten 'Butzenscheiben'.
Je nach Geschmack und Geldbeutel des Besitzers waren die Wohnräume des Herrenhauses mehr oder weniger aufwendig ausgestaltet. Zur Verkleidung der Fußböden stand zunächst der einfache Bodenbelag (Estrich) aus Kalkmörtel und Ziegelklein zur Verfügung, der auch zur Abdichtung von Wasserbecken benutzt wurde. Wer es sich leisten konnte, griff aber wenigstens für einen Raum zu Mosaiken oder zu Platten aus wertvollen Steinarten wie z.B. Marmor. In besonders prächtigen Anlagen konnten letztere auch in Form von Pilastern zur Verzierung der Seitenwände dienen. Weniger aufwendig als solche kostbaren Steinarbeiten waren Wandmalerien, die in Frescotechnik auf den noch feuchten Putz aufgetragen wurden. Auch die Zimmerdecken konnten, wenn es die Finanzen des Besitzers erlaubten, mittels bemaltem Stuck oder durch Holzverzierungen (z.B. Kassettendecken) ausgestaltet werden.
In erster Linie eine Finanzfrage war auch das Vorhandensein einer Heizung bzw. die Zahl der innerhalb des Wohnhauses beheizbaren Räume. Fast alle bislang untersuchten Herrenhäuser unseres Gebietes wiesen aber zumindest einen heizbaren Raum auf. Bei der römischen Heizung handelt es sich um eine Fußbodenheizung (lat. hypocaustum): in einem oftmals an der Außenseite des Gebäudes, jedenfalls aber außerhalb des beheizten Raumes gelegen Ofen (lat. praefurnium) wurde ein Holz- oder Holzkohlefeuer entfacht. Dieser Ofen wurde nach Bedarf beschickt und arbeitete weitgehend mit Oberluft. Die entstehenden Rauchgase wurden mittels einer kaminartigen Abzuganlage unter den höherliegenden Fußboden des zu beheizenden Raumes geleitet. Dieser Boden ruhte auf kleinen Säulen aus runden oder rechteckigen gebrannten Ziegeln. Die Abgase zogen unter dem Fußboden hindurch, erhitzen diesen dabei von unten. Sie wurden schließlich durch in den Seitenwänden des Raumes eingebaute senkrechte Tonröhren nach oben abgeleitet. Diese Röhren waren so angeordnet, daß sie ebenfalls als Heizkörper dienten. Eine solche Hypokaust-Heizung funktionierte, war sie einmal in Gang gesetzt, mit geringem Zug und hohem Nutzeffekt und führte zu einer angenehm gleichmäßigen Erhitzung des gesamten Raumes.
Der Wasserverbrauch römischer Gutshöfe war allem Anschein nach relativ hoch, insbesondere dann, wenn zur Anlage auch ein Badekomplex (Thermen) gehörte. Die Thermen konnten (wie z.B. in Goeblingen oder Wasserbillig-Langsur) in das Herrenhaus integriert sein oder aber einen eigenen Baukomplex bilden. Die Wasserversorgung konnte in unseren Gegenden relativ problemlos über die Anzapfung von Quellen oder die Anlage von Grundwasserbrunnen gewährleistet werden. Daß die Bewohner der römerzeitlichen villae rusticae großen Wert auf gute Wasserqualität legten, unterstreicht die Tatsache, daß Zisternen zum Auffangen von Regenwasser nur selten vorkommen. Dagegen wurden selbst große Mühen (etwa die Anlage von kilometerlangen, teils unterirdisch verlaufenden Wasserleitungen) nicht gescheut, wenn es darum ging, besonders gutes Trinkwasser nutzen zu können.