Die zeitliche Entwicklung

Bei Ausgrabungen konnten in den letzten Jahren unter einer ganzen Reihe von Villenanlagen in Nordgallien Vorgängerbauten nachgewiesen werden, die nicht in Stein, sondern noch in Holzbauweise errichtet waren. Diese in der französischen Forschung gerne als “fermes gallo-romaines précoces” bezeichneten Anlagen zeigen noch deutliche Verbindungselemente zu den Anlagen der späten Eisenzeit, also der Periode unmittelbar vor der Eingliederung unseres Raumes in das Römische Reich.

Im Treverergebiet tritt die typische römischerzeitliche, in Stein ausgebaute villa rustica erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. in Erscheinung, in den allermeisten Fällen sogar erst in flavischer Zeit, das heißt seit etwa 70 n. Chr. Vor diesem Zeitpunkt ist kaum mit voll entwickelten Anlagen zu rechnen. Unser Raum bildet hierin keine Ausnahme, denn die Forschung der letzten Jahrzehnte hat für ganz Gallien eine große Übereinstimmung der zeitlichen Entwicklung herausstellen können. Villae rusticae in ihrer voll entwickelten Form werden also nicht nur bei uns sondern überall in Gallien erstmals in der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. errichtet, frühere Beispiele für Villenanlagen sind extrem selten.

Für diese erstaunliche Gleichzeitigkeit gibt nicht eine einzige, sondern eine ganze Reihe von auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Ursachen. Hierzu zählen zunächst Veränderungen im Bereich der Agrartechnik, die in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. erstmals ihre Wirkung zeigten. So erlaubten neue Methoden der Bewirtschaftung die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzung in bis dahin nicht oder nur spärlich erschlossene Gebiete. Erleichtert wurde dies wohl auch durch ein klimatisches Optimum, das die neuere Klimaforschung für das Ende des ersten und das zweite Jahrhundert n. Chr. nachweisen kann. Darüber hinaus brachten neue Getreidesorten und neue Tierrassen sowie bessere Zuchtmethoden im Vergleich zur vorrömischen Eisenzeit höhere Erträge sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Tierzucht. Wir werden in den folgenden Beiträgen noch näher auf diese Veränderungen eingehen.

Darüber hinaus hängt das gleichzeitige Auftreten der villa rustica in ganz Gallien aber auch direkt zusammen mit tiefgreifenden Veränderungen in der Sozialstruktur der gallischen Gesellschaft, die in dieser Zeit zum Abschluß kommen. Die in der Spätlatènezeit vorherrschenden Gesellschaftskreise (der Adel der Spätlatènezeit) werden um die Mitte des ersten Jh. n. Chr. teilweise abgelöst von neuen Bevölkerungsgruppen, und zwar sowohl was ihre wirtschaftliche Stellung als auch was ihr gesellschaftliches Ansehen anbetrifft.

Die Geschichte der villa rustica als Siedlungsform läßt sich für Nordgallien in drei große Abschnitte untergliedern. Dabei muß betont werden, daß es sich um eine schematische Einteilung handelt, gegen die sich zahlreiche Gegenbeispiele ins Feld führen ließen. Für eine allgemeine Orientierung kann sie aber durchaus nützlich sein, solange man sich ihres stark verallgemeinernden Charakters bewußt ist.