2. Forschungsgeschichte
Gleich zu Beginn muss angemerkt werden, dass der Forschungsstand zur römerzeitlichen Eisenmetallurgie für Nordgallien und das römische Rheinland nicht nur von Region zu Region sehr unterschiedlich ist (4), sondern zudem insgesamt einen erheblichen Rückstand auf die Forschungslage für andere Teilen Galliens aufweist.
Während nämlich andere Regionen - insbesondere der Südwesten, das Zentrum und der Westen Frankreichs seit über einem Jahrzehnt Gegenstand intensiver Forschung im Rahmen systematischer Forschungsprogramme sind (Mangin 1988, 1996) welche weiträumige Prospektionen, Plangrabungen und Laboruntersuchungen miteinander verknüpfen, so sind bislang, mit Ausnahme Lothringens (Leroy 1997), weder in Belgien, noch in Luxemburg oder Nordfrankreich grossangelegte Prospektionen durchgeführt wurden. Auch die im Verlauf des letzten Jahrzehnts durchgeführten systematischen Begehungen in einigen Regionen des Rheinlands bleiben in Intensität und Ausdehnung weit hinter den französischen Kampagnen im Westen und im Zentrum ( Mangin 1989 und 1994b, Mangin et alii 1992 und 1995) Galliens zurück.
In Belgien setzen die ersten Arbeiten zur römerzeitlichen Eisenproduktion bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein (Tahon 1886, Mahieu 1895, Bequet 1902). Sie betraffen ausschliesslich das Entre-Sambre-et-Meuse-Gebiet. Nach langer Unterbrechung setzen systematische Programme zur Untersuchung der römerzeitlichen Eisenmetallurgie in diesem Raum dann erst in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts wieder ein (Bonenfant 1983; Doyen 1983; Bonenfant/Defosse/Fontana 1986; Bonenfant/Defosse 1994, 269) , leider wurden sie nach vielversprechenden Anfängen nicht fortgesetzt.
In den späten 60er Jahren wandten sich die Aufmerksamkeit der belgischen Forschung dann auch dem flämischen Teil Belgiens zu, man glaubte, dort eine Eisenproduktion in lokalem Masstab nachweisen zu können (De Laet/Van Doorselaer 1969; Van Doorselaer 1971).
Die ersten systematischen Untersuchungen der deutschen Forschung zur frühgeschichtlichen und römerzeitlichen Eisenindustrie (Gurlt 1885) betrafen in der Hauptsache Gebiete im jenseits des Limes gelegenen freien Germanien, vor allem die zahlreichen Fundstellen des Siegerlandes (5). Was die innerhalb der Reichsgrenzen gelegenen Regionen anbetrifft, so zeigte bereits eine erste Untersuchung zu den Spuren früher Eisenindustrie in der Südeifel (Steinhausen 1926) die Schwierigkeit, die schon damals in grosser Zahl bekannten Fundstellen eindeutig der römischen Epoche zuzuordnen. In den darauffolgenden Jahrzehnten änderte sich an dieser Situation nur wenig, eine 1976 vorgelegte Studie zum gesamten Moselraum konnte nur vier Verhüttungsplätze eindeutig in die römischen Kaiserzeit datieren (Schindler 1976).
Die wenigen luxemburgischen Arbeiten zur frühen Eisenverhüttung stammen alle aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts und sind heute nur noch mit grosser Vorsicht heranzuziehen (Wagner 1921).
Im römischen Rheinland konzentrierte sich die Forschung zur antiken Eisenproduktion während langer Zeit auf drei nicht weit voneinander entfernte Regionen. Zu nennen ist zunächst die Nordeifel, die in der zweiten Hälfte der späten 50er Jahre Gegenstand mehrerer Arbeiten war (Petrikovits 1956 und 1958).
Ebenfalls bereits in den 50er Jahren wurde ein im Ahrweiler Wald gelegenes römerzeitliches Eisenverhüttungsgebiet untersucht, leider wurden die Ergebnisse nur sehr unvollständig publiziert (Kleemann 1959, 1966 und 1971, 25ss. ; Gilles 1961 ; Wegner 1990).
Bereits seit den 30er Jahren war auch die römerzeitliche Eisenproduktion in der Pfalz (Sprater 1930, 92-99 ; 1931 ; 1932; Walling 1977), insbesondere die recht intensive Verhüttungstätigkeit im Gebiet um Eisenberg (Sprater 1933 ; 1952 ; Bernhard 1990 ; 1990a) Gegenstand mehrerer Arbeiten.
Leider gibt es nur wenige neuere Arbeiten, die es erlauben würden, das Bild der Eisenproduktion im römischen Rheinland zu vervollständigen :
· Ein 1987 von der Volkswagenstiftung initiiertes Foschungsprojekt zur Paläometallurgie schliesst auch zwei diachron angelegte Teilprojekte zur Eisenproduktion auf der Schwäbischen Alb ein (Kempa 1995, 10). Interessanterweise haben sie nur Hinweise auf eisenzeitliche und mittelalterliche Verhüttung erbracht.
· Im letzten Jahrzehnt durchgeführte Oberflächenbegehungen und Grabungen haben für das Markgräfler Land in der Hauptsache Spuren von späteisenzeitlicher Eisenverhüttung erbracht, dabei aber einige bislang noch schwache Indizien für eine diffuse Eisenproduktion in römischer Zeit geliefert (Gassmann 1992 und 1996 ; Deffner/Gassmann 1993 ; Gassman/Hübner 1995 ; Rösch/Fischer 1996).
Während somit in Belgien und dem Rheinland - wie übrigens auch in Mittel- und Nordeuropa (7) - die Forschung zur antiken Eisenproduktion in der Nachkriegszeit einen zum Teil beachtlichen Aufschwung nahm, gelang es nach einer langen Phase der Lethargie der französischen Forschung erst in der Mitte der 80er Jahre, wieder Anschluss an die vielversprechenden Ansätze des 19. Jh. (Daubrée 1868 ; Daubrée 1881) und der ersten Hälfte des 20. Jh. (Tryon-Montalambert 1955-1956, Pailler 1982) zu finden. In der Zwischenzeit allerdings ist die französische Forschung federführend geworden, dies vor allem dank grossflächiger und systematischer Forschungsprogramme, welche integrativ angelegt sind, d.h. Grabungen, Oberflächenbegehungen und Laboruntersuchungen in geradezu beispielhafter Weise miteinander verbinden (8). Ausgehend vom Westen und Osten Frankreichs (9) sind in der Zwischenzeit auch andere Regionen - vor allem in Zentralfrankreich (Dieudonné-Glad 1991 und 1996, Dumasy et alii 1993) - Gegenstand solcher integrativ angelegter Programme. Zusammen mit den parallel dazu durchgeführten Arbeiten zur antiken Eisenproduktion in der Schweiz (Serneels 1993, Senn-Luder/Serneels et alii 1994), haben sie unseren Kenntnisstand zur antiken Eisenverhüttung in Gallien revolutionniert und das sich aus den älteren Arbeiten ergebende Bild tiefgreifend verändert.
Allerdings muss betont werden, dass der gewaltige Aufschwung, den die französische Forschung zur antiken Eisenmetallurgie seit dem Beginn der 80er Jahre kennt, unser Arbeitsgebiet zum grössten Teil nur indirekt betrifft. Mit Ausnahme Lothringens (Leroy 1997) ist nämlich bislang keine nordfranzösische Region Gegenstand solcher grossangelegter, auch in methodischer Hinsicht neue Wege einschlagender Untersuchungen gewesen. Weder in Belgien noch in Luxemburg wurden in den letzten Jahren grossflächige Prospektionen durchgeführt (10), die bereits erwähnten Oberflächenbegehungen im Rheinland bleiben im Vergleich zu den französischen Programmen in jeder Hinsicht bescheiden.
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Abb 2. Verhüttung und Verarbeitung von Eisen in den kaiserzeitlichen Vici Nordgalliens und des Rheinlandes |