Wenn es um die Anfänge der Archäologie in Luxemburg geht, fällt in der Regel der Name des Jesuitenpaters Alexander Wiltheim (1604-1684) (1). Charles-Marie Ternes sieht in Wiltheim den eigentlichen "Vater der luxemburgischen Archäologie" (2). Mit der Antike hatte sich zwar vor ihm schon der Gouverneur Mansfeld (1517-1604) befasst, der eifrig Statuen und Denkmäler sammelte, um mit ihnen seine prachtvollen Gärten in Clausen zu schmücken. Mansfeld stand mit seiner Sammelleidenschaft jedoch noch ganz in der Tradition kunstliebender Renaissance-Fürsten, während Wiltheim mit den "Luciliburgensia Romana" praktisch ein erstes Fundstellenverzeichnis der Region anlegt. Jean Krier und Edmond Thill unterstreichen insbesondere Wiltheims wissenschaftliche Methodik, seine genaue und sorgfältige Arbeitsweise, die geradezu modern anmutet und noch "die Archäologen des 20. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt"(3).
Wiltheim blieb jedoch zunächst ohne unmittelbare Nachfolger. Nicht wenige der von ihm beschriebenen Skulpturen, die teilweise auch ihren Weg ins Jesuitenkolleg (dem späteren Athénée) gefunden hatten, gerieten nach seinem Tod in Vergessenheit bzw. wurden bei Umbauten weiterverwendet und so "unsichtbar". Jean Engling, der von 1853 bis 1874 und erneut von 1875 bis 1888 als Präsident der Société Archéologique fungierte und eine Unzahl von Artikeln, mit zum Teil allerdings recht gewagten Hypothesen, zu deren Veröffentlichungen beisteuerte, beschrieb diesen Vorgang recht drastisch: "Um sich lästiger Besuchungen und häufiger Schulstörungen zu überheben, warfen die Patres die einen ihrer Antiken in die Fundamente ihres neuen Klosterflügels, und verschleuderten die anderen nach allen Seiten hin"(4), was ihm von mancher Seite als böswillige antijesuitische Propaganda ausgelegt wurde. Tatsache ist, dass eine Reihe von Skulpturen erst im 19. bzw. 20. Jahrhundert wieder entdeckt wurden.
Die eigentliche Archäologie begann in Luxemburg mit der Gründung der Société Archéologique im Jahre 1845. Zwar handelte sich dabei ursprünglich um eine Privatinitiative, die jedoch von höchster Seite, d.h. durch den Grossherzog, Unterstützung fand, und letztlich - wenn auch erst nach rund 80 Jahren - in der Gründung des Staatsmuseums gipfelte. Der Zeitpunkt der Gründung ist dabei keineswegs zufällig. 1839 hatte Luxemburg seine Unabhängigkeit erlangt (auch wenn weite Kreise einen Zusammenschluss mit Belgien bevorzugt hätten) und in diesem Zusammenhang besann man sich nun auf die nationale Vergangenheit im weitesten Sinne. Luxemburg ist dabei kein Einzelfall - auch in den Nachbarländern entstanden damals "gelehrte Gesellschaften" wie beispielsweise die 1801 gegründete Trierer "Gesellschaft für nützliche Forschungen", 1834 die "Société française d'Archéologie", 1847 schliesslich die "Société pour la conservation des monuments historiques et des oeuvres d'art dans la province de Luxembourg" in Arlon, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
In Luxemburg war es insbesondere ein kleiner Kreis um den Wiltzer Arzt Auguste Neyen (1809-1882, der seit 1842 wiederholt beim Grossherzog zwecks Gründung einer archäologischen Gesellschaft intervenierte. Zugleich bemühten sich verschiedene Sammler um die Einrichtung eines ersten kleinen Museums im Athenée, das sich damals noch in den Räumen der heutigen Nationalbibliothek befand.
Am 2. Oktober 1845 erfolgte dann die eigentliche Gründung der "Société pour la recherche et la conservation des monuments historiques dans le Grand-Duché de Luxembourg", die 13 Gründungsmitglieder besass. Bei der Wahl zum Präsidenten einigten sie sich, was vielleicht überraschend sein mag, nicht auf Neyen, der doch die treibende Kraft hinter der Gründung gewesen war, sondern auf den Juristen François-Xavier Wurth-Paquet (1801-1885), und der rührige Antoine Namur (1812-1869) übernahm das Amt des Sekretärs und Konservators, das er bis zu seinem Tod innehatte. Als solcher prägte Namur ganz entscheidend die alljährlichen Veröffentlichungen der Société, insbesondere durch seine regelmässigen Tätigkeitsberichte und Listen von Neuerwerbungen. Die langwierige Gründungsgeschichte ist im einzelnen bei Joseph Goedert (5) nachlesen.
Die Gesellschaft sammelte eifrig, was immer sich an Antikem und Historischem fand, und führte auch selbst Grabungen durch. Wenn auch diese Grabungen nicht den heutigen Standards entsprechen, so finden sich doch nicht selten Ideen, die uns durchaus aktuell anmuten. So wurde 1851 unter der Leitung der Société Archéologique mit einer dreijährigen, hauptsächlich vom Staat finanzierten Grabungskampagne in Dalheim begonnen, da zu erwarten stand, dass der geplante Strassenbau von Bous nach Filsdorf archäologisch sensibles Gebiet anschneiden werde und im Vorfeld die erforderlichen Rettungsgrabungen unternommen werden sollten. Nach demselben Prinzip werden noch heute vor Beginn grosser Infrastrukturprojekte (z.B. beim Autobahnbau Luxemburg-Saarbrücken) archäologische Prospektionen und gegebenenfalls Grabungen durchgeführt. Es gibt allerdings auch frappierende Unterschiede - so wurde in Dalheim der vorläufige Grabungsabschluss mit der Errichtung eines Denkmals gefeiert, das mit Mauersteinen aus der Grabung erbaut wurde, was heute kaum noch vorstellbar erscheint. Dalheim verkörpert im übrigen sowohl die Höhen als auch die Tiefen der Luxemburger Archäologie des 19. Jahrhunderts, wurde doch das Feld nach 1853 zunächst weitgehend privaten Sammlern überlassen, die durchaus nicht immer zur Zusammenarbeit mit der Société bereit waren oder aber eine solche Zusammenarbeit zwar in Aussicht stellten, aber nie konkretisierten. Dies gilt insbesondere für den Dalheimer Notarschreiber Ernest Dupaix, der 1888 zwei Statuetten von aussergewöhnlicher Qualität an den Louvre verkaufte. Die restliche Sammlung Dupaix konnte zwar 1899 vom damaligen Konservator Nicolas van Werveke erworben werden; die für eine archäologische Bewertung so wichtigen genauen Fundangaben und -pläne zu den einzelnen Stücken fehlten jedoch völlig. Dabei hatte bereits Namur 1851 betont, "qu'il ne suffit pas d'arracher aveuglément au sein de la terre les richesses archéologiques qu'il recèle"(6) - d.h., es genügt nicht, einfach irgendwelche Objekte auszugraben, ohne diese entsprechend zu dokumentieren.
Um ihre zahlreichen Aktivitäten durchführen zu können, waren natürlich mehr Mitglieder als die kleine Gruppe der 13 Gründungsmitglieder erforderlich. Laut Satzung war die Zahl der ordentlichen Mitglieder (die allein stimmberechtigt waren) auf 20 begrenzt. Bis 1847 waren zu den ursprünglichen 13 Mitgliedern fünf weitere ordentliche Mitglieder hinzugekommen. Sie gehörten ausnahmslos zur kulturellen und politischen Elite im Grossherzogtum. Sieben davon unterrichteten am Athénée, der Rest waren Juristen, Beamte, Regierungsangehörige. Und sie lebten alle in der Stadt, mit Ausnahme von Neyen, der zwar in Luxemburg geboren war, doch 1846 nach Wiltz, der Geburtsstadt seiner Frau, umgesiedelt war, und von Boch-Buschmann, der seinen Wohnsitz in Septfontaines, am Ort der Manufaktur (bzw. Faiencerie) der Gebrüder Boch, hatte. Die Société war somit auf andere Kontakte angewiesen, um Informationen aus dem ganzen Land zu erhalten.
Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung kam hier den Schülern des Athénée zu, die aus den verschiedensten Ortschaften in die Hauptstadt kamen und hier über den einen oder anderen Lehrer auf die Tätigkeiten der Société aufmerksam wurden. Zudem befand sich die schnell wachsende Sammlung der Gesellschaft in den Räumen des Athénée, wo sie laut Satzung von Oktober bis Mitte August jeden Donnerstag von 9 bis 11 Uhr besichtigt werden konnte. So war es ein Schüler Namurs aus Strassen, der diesen 1844 als erster auf gallo-römische Keramik, die am Tossenberg gefunden worden war, aufmerksam machte, was dann zur ersten Grabung dort führte; der entsprechende "Grabungsbericht" wurde als Fussnote zum allerersten Inventar der Sammlung in der ersten Nummer der PSH veröffentlicht (7).
Sehen wir nun die alljährlich veröffentlichten Inventarlisten nach Neuzugängen aus der Gemeinde Kehlen durch, so stossen wir 1851 auf einen anderen Schüler des Athénée, namens Binsfeld, der der Société einen Fund aus Dondelingen übergab. Laut Inventarliste handelt es sich dabei um eine Bronzestatuette der Diana, die man für antik hielt. Die Zuschreibungen sind allerdings nur unter Vorbehalt verlässlich - so stellt nach heutiger Erkenntnis eine im gleichen Jahr ebenfalls als Dianafigur bezeichnete Statuette aus Dahlheim vielmehr die Göttin Minerva dar. Bei der Dondelinger "Diana" - eine sitzende Frauenfigur, bei der er sich vermutlich auch nicht um eine Diana handelt, - ist dagegen laut dem von Eugenie Wilhelm 1971 erstellten Katalog (8) nicht einmal sicher, dass sie aus gallo-römischer Zeit stammt.
Neben den Schülern des Athénée stützte sich die Société auf eine schnell wachsende Anzahl korrespondierender Mitglieder, die ein weitverzweigtes Netz im ganzen Land bildeten. Die Zahl der korrespondierenden Mitglieder (sowie die der Ehrenmitglieder, zu denen vor allem besonders verdiente Persönlichkeiten im Ausland ernannt wurden) war unbegrenzt. Ihre Ernennung musste jeweils von zwei ordentlichen Mitgliedern vorgeschlagen werden; über ihre Aufnahme wurde dann in geheimer Abstimmung entschieden. Vor allem unter den korrespondierenden Mitgliedern findet sich ein hoher Prozentsatz an Dorfpfarrern und Volksschullehrern, die praktisch die kulturelle Elite auf dem Lande repräsentierten.
Ein anderer, wichtiger Kontakt der Gesellschaft in Kehlen war Lehrer Welter. Sein Name erscheint erstmals im Jahresbericht des Konservators Namur über die Neuerwerbungen des Jahres 1847. Welter hatte Neyen 19 Münzen übergeben, die in der näheren Umgebung von Kehlen gefunden wurden, sowie zwei "römische Ziegelfragmente" aus dem Ehlbusch und ein Stück Schlacke, das "aus einer (gallo-)römischen Schmiede in Altmuhl" stammte. In der ersten Inventarliste der Gesellschaft von 1846 erscheint übrigens bereits ein weiteres Stück Eisenschlacke, das "aus den Ruinen der römischen Schmiede im Dürenthal geborgen" und am 7. August 1845 von Neyen der Sammlung im Athenée einverleibt wurde.
Aufgrund dieses ersten
Kontaktes wurde Welter dann in geheimer Wahl am 26. Oktober 1848 als
korrespondierendes Mitglied gewählt. Einige Neuzugänge der folgenden
Jahre in der Sammlung der Gesellschaft gehen auf ihn zurück, wobei meist
die Frage offen bleiben muss, ob er die entsprechenden Funde selbst gemacht
hatte oder ob sie ihm von Schülern oder Ortsansässigen übergeben
wurden:
1848: 3 Münzen
1849: 25 Münzen, ein beinerner
Schreibgriffel und Fragmente eines Bronzegeräts, eine grosse Aschenurne
vom Tossenberg (Mamer), ausserdem ein doppelschneidiges Schwert, das "in
der Goldkaul" in Kehlen gefunden wurde
1850:18 Münzen
1852:45
Münzen sowie ein "antikes Schloss", das in "Schemmerig"
(Scheimerich), d.h. am Schönberg in Kehlen, gefunden wurde, sowie vier
Eisengeräte aus dem Bramebösch
1856: 34 Münzen sowie eine
kleine Holzschachtel mit einem gut erhaltenen Siegel der Abtei St. Maximin
(Trier) und eine Abschrift einer die Gemeinde Kehlen betreffenden Urkunde aus
dem Jahr 1672.
Unter den Münzen finden sich nicht nur Prägungen der Antike, sondern auch aus dem Mittlealter und der frühen Neuzeit. Trotz aller Sorgfalt, mit der Namur die alljährlichen Inventarlisten erstellte, genügen sie heutigen Fragestellungen nicht. So wurden zwar die einzelnen Münzen beschrieben, aber ohne Angabe des Fundorts. Die Namen der Stifter und die Zahl der von ihnen jeweils übergebenen Münzen wurden getrennt aufgelistet, ohne sie mit den einzelnen Münzbeschreibungen zu korrelieren. Lediglich in den ersten fünf Jahresberichten wurden noch zusätzlich die Namen der Fundorte der Münzen zusammen mit den Namen der Kaiser, denen diese Münzen zugeordnet wurden, angegeben - aber wiederum in einer separaten, mit den übrigen Angaben (also den Namen der Schenker und den Münzbeschreibungen) nicht korrelierten Liste. Dabei sind jedoch die Angaben zum Fundort sehr allgemein gehalten und beschränken sich in der Regel auf den Namen der Gemeinde, und auch die restlichen Angaben bleiben oft vage genug.
So werden für die 1847 "in der Umgegend von Kehlen" gefundenen Münzen die Kaiser Claudius Gothicus, Constans, Constantinus I., Tetricus und Valerianus genannt. Es handelt sich somit um Münzen aus der 2. Hälfte des dritten Jahrhunderts sowie aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Aber Raymond Weiller versieht diese Angaben im einzelnen mit Fragezeichen (9), da sie nicht ausreichend sind, um die genaue Prägung zu bestimmen. So ist beispielsweise nicht klar, ob es bei der Kehlener Münze um Tetricus I. oder Tetricus II. geht, oder aus welchem Abschnitt der Regierungszeit von Constantinus I, die von 306 bis 337 dauerte, die entsprechende(n) Münze(n) stammt bzw. stammen. Es war daher auch nicht möglich, sie im Münzkabinett des Museums zu identifizieren. Veilleicht wurden sie auch irgendwann einmal gegen seltenere Exemplare mit anderen Sammlern oder Museen getauscht, was im 19. Jahrhundert eine gängige Praxis war.
In den folgenden Jahren taucht Lehrer Welter nur noch in Mitgliederverzeichnis auf, in dem er aber seit 1855 nicht mehr als Lehrer, sondern als Steuereinnehmer (receveur des contributions) erscheint. Liess ihm dieser Berufswechsel keine Zeit mehr für ein zuvor doch offensichtlich recht nachdrückliches gepflegtes Interesse an Antiquitäten? Fehlte nun der Kontakt mit den Schülern, die ihm zuvor Fundstücke in die Schule mitgebracht hatten? Wir sind auf Vermutungen angewiesen. 1860 wird der Steuereinnehmer Welter aus Kehlen noch als korrespondierendes Mitglied geführt; in der darauffolgenden vollständigen Liste aller korrespondierenden Mitglieder, die 1865 veröffentlicht wurde, fehlt er dagegen. Seine Spur verliert sich einfach, denn weder ist sein Austritt ausdrücklich vermerkt noch wird er als verstorben gemeldet.