Die Lese-Ecke: Archäologen in der Literatur
INDIANA JONES LÄSST GRÜSSEN
Ellen HEINEMANN

An langen Winterabenden, wenn es sonst nichts zu tun gibt, greift der Ausgriewer gerne zu einem Buch, wobei es sich auch mal um leichtere Kost handeln darf. Und von solcher soll hier die Rede sein.

Hatte schon Schliemann mit der Suche nach Troja und mit aufregenden Funden die Fantasie gefesselt, hatte die halbe Welt gespannt die Entdeckung von Tutanchanums Grab verfolgt, so ist spätestens seit Indiana Jones der Archäologe eine Figur, die einen festen Platz in der Vorstellungswelt der Öffentlichkeit hat. Zwar ist dem Ausgriewer selbst noch kein Archäologe begegnet, der wie Harrison Ford aussieht, auch wenn er schon manch einen mit einem Indiana-Jones-Hut getroffen hat. Aber der Ausgriewer fragt sich, ob Indy in irgendeinem Film schon mal eine Kelle im Gepäck hatte, die doch jeden Archäologen stets begleitet, oder ob er letztlich nicht doch nur so untypisches Gerät wie Peitsche und Pistole verwendet hat...

Waren die Indiana-Jones-Filme reine Abenteuer-Filme, so kann man der Archäologie eine gewisse Verwandschaft mit Detektivgeschichten nicht absprechen. Nicht selten geht es darum, aus archäologischen Indizien - den Funden und Befunden, mit denen der Archäologe so vorsichtig und präzise umgeht wie der Detektiv mit Fingerspuren - mit geradzu kriminalistischem Spürsinn ein größeres Bild zu rekonstruieren. Erscheint somit der Archäologe nicht geradezu prädestiniert, in einem Krimi die Rolle des Detektivs zu übernehmen?

Bisher hat der Ausgriewer allerdings überwiegend Geschichten gefunden, in denen der Archäologe der Mörder oder aber das Opfer ist... Da darf sich nun der geneigte Leser seinen Reim darauf machen, ob es dafür etwa tiefgründige psychologische Hintergründe gibt! Ein paar solcher Geschichten will sich der Ausgriewer heute etwas genauer anschauen, wobei ihn vor allem interessiert, wie die Tätigkeit und die Figur des Archäologen der lesenden Öffentlichkeit von (mehr oder weniger fachfremden) Autoren präsentiert werden.

In „Die Apostelin“ (1996, Originaltitel: “A Letter of Mary”) der amerikanischen Autorin Laurie R. King geht es um den Mord an einer älteren Archäologin namens Dorothy Ruskin, die nach dem ersten Weltkrieg in Palästina Grabungen durchführt und 1923 bei einem Besuch in London, wo sie nach Sponsoren für ihre Arbeit sucht, in einem fingierten Autounfall zu Tode kommt. Ihr Fachwissen hat sich unsere Romanfigur nicht durch ein Universitätsstudium, sondern lediglich durch langjährige praktische Erfahrung erworben, und von sogenannten Experten, vor allem wenn es Männer sind, hat sie keine hohe Meinung. Im übrigen hat sie mit dem ständigen Unverständnis (und mehr) ihrer Verwandten zu kämpfen, denen die Archäologie als sinnloser Zeitvertreib erscheint, bei dem nur gutes Geld “in Erdlöcher fliesst”. Die Autorin beschreibt Dorothy Ruskin als eine nicht sehr große, aber doch imponierende Gestalt - “das Gesicht ... stark gebräunt von der Wüstensonne, in soldatischer Haltung” und mit einer “tiefen Stimme - an große Entfernungen und die Befehle gewöhnt, die sie palästinensischen Ausgrabungsarbeitern zu erteilen pflegte”. Diese Figur hat nun allerdings wenig Ähnlichkeit mit den Archäologen, die den Ausgriewer kennt, und es käme hierzulande wohl auch nicht besonders gut an, wenn der Grabungsleiter mit dröhnender Stimme irgendwelche Befehle riefe.

Darüber, wie es auf einer Grabung zugeht, erfährt der Leser nur sehr wenig, da sich die gesamte Handlung in England abspielt. In einem Rückblick der Ich-Erzählerin Mary Russell - Sherlock Holmes’ Frau (sic!) -, die später versuchen wird, den Mord an der Archäologin aufzudecken, wird der Besuch einer Ausgrabung ausserhalb von Jericho skizziert. Die Besucher “spähten über den Rand, und da starrte uns diese weisshaarige Engländerin an, als wollten wir ihre Tonscherben stehlen. Und ihr Haus, diese unglaubliche Hütte aus Stein, gebrannten Lehmziegeln und platt gedrückten Benzinkanistern, das Interieur eine Kreuzung zwischen einem Beduinenzelt und einem englischen Cottage - große Scherbenhaufen, die klassifiziert und skizziert werden mussten, mit silbernem Teeservice und Paraffin, ein Regal, vollgestopft mit Büchern und Krimskrams. Da gab’s ein paar exquisite Stücke, nicht wahr?” Ganz so exzentrisch ist des Ausgriewers Grabungsbude dann nun doch nicht, und ein silbernes Teeservice gibt’s dort schon gar nicht!

Immerhin lernt der Leser, dass es richtige und falsche Grabungsmethoden gibt, wenn die Autorin am Anfang des Buches Dorothy Ruskin äusserst kritisch über vorangegangene Grabungen berichten lässt: “Ohne Sinn und Verstand wühlten die Leute herum, fanden nichts und richteten um so grösseren Schaden an. Und dann tauchten die Einheimischen mit grossartigen Fundstücken auf, die wir weder klassifizieren noch datieren konnten, weil wir nicht wussten, woher sie stammten. Also stellten wir sie ins Museum und schrieben darunter: ‘Herkunft - unbekannt, Zeit - unbekannt. Welch eine Vergeudung!” Unsere Autorin weiss somit um die archäologische Bedeutung des Kontexts, der dem noch so schönsten Fund erst den vollen wissenschaftlichen Erkenntniswert erschliesst. Was lernt der Leser noch? Dass Grabungen auch nicht ungefährlich sein können - die Roman-archäologin leidet an den Folgen eines komplizierten Beinbruchs, den sie sich zugezogen hatte, als ein Stützpfeiler zusammenbrach und sie daraufhin in eine Grube fiel. Offensichtlich leitet Dorothy Ruskin nicht nur die Grabungsarbeiter an und erteilt Befehle, sondern packt auch selbst mit an. Dies entspricht nun schon eher der Wirklichkeit, wie sie der Ausgriewer kennt. Auch wenn er deswegen nicht unbedingt rauhe und schwielige Finger hat, wie die Autorin die Hände ihrer Romanfigur beschreibt.

Nur wenig verbindet den Ausgriewer dagegen mit der amerikanischen Archäologin Brett Lynch, einer Nebenfigur in “Venezianisches Finale” (1993, Originaltitel: “Death at La Fenice”) von Donna Leon, in dem es um den Mord an einem berühmten Dirigenten geht. Brett Lynch - Anfang 30, aus reichem Haus, lesbisch - ist dabei eine von mehreren möglichen Verdächtigen. Auch hier erfährt der Leser sozusagen nur aus zweiter Hand etwas über Archäologie, denn Brett Lynch hat ihre Tätigkeit in China unterbrochen, um bei ihrer Freundin Flavia, einer italienischen Opernsängerin, sein zu können. Sie erzählt dem ermittelnden Commissario Brunetti von ihrer Arbeit in China, genauer gesagt bei der Ausgrabung der spektakulären, 7000-köpfigen Terrakotta-Armee von Xian: “Im vergangenen Herbst haben wir die Erlaubnis bekommen, mit den Arbeiten am Schatzgewölbe zu beginnen. Nach dem wenigen, was ich bisher gesehen habe, wird dies der bedeutendste archäologische Fund seit Tutanchamun. Genaugenommen wird Tut zu einem Nichts, wenn wir erst angefangen haben herauszuholen, was da begraben liegt.”

Bei solchen Textpassagen überläuft den Ausgriewer ein heftiges Schaudern - Archäologie wird wenig besser als Schatzgräberei dargestellt, der Kontext spielt keine Rolle, Ägypten wird mit China in einen Topf geworfen, und die Archäologin wird von dem fast mystischen Drang angetrieben, “diese Dinge zu sehen, zu berühren, ein Gefühl dafür zu bekommen, was es für Menschen waren, die alle diese Dinge gemacht haben”. “Meine Zukunft”, sagt Brett Lynch, “besteht aus Tongefässen und Scherben und Stückchen einer Zivilisation, die Tausende von Jahren alt ist.” Hier vermisst der Ausgriewer einiges, unter anderem den Staub und den Dreck und die mühselige Routine, die eben auch Teil einer Grabung sind.

Vier Bücher später - in “Acqua Alta” (1996) - lässt Donna Leon ihre Romanfigur Brett Lynch zu einer der Hauptfiguren avancieren, die in einer verwickelten Geschichte, in der es um skrupellose Sammler, korrupte Museumsdirektoren und Antiquitätenhändler geht, nur knapp mit dem Leben davonkommt. Wie alle Bücher der Serie spielt auch “Acqua Alta” in Venedig, so dass man von der archäologischen Arbeit als solcher wiederum nur wenig erfährt. Immerhin stellt die Romanfigur – die in der Rolle des Opfers einiges von ihrem Glamour verloren hat - ihr Fachwissen mit einem Exkurs über Thermolumineszenz, einer vor allem für Keramik verwendeten Datierungstechnik, unter Beweis. Und einmal, in einem Alptraum, wähnt sich die (schwerverletzte) Brett “in China, in dem Zelt, das man auf dem Ausgrabungsgelände für die Archäologen aufgestellt hatte. Sie schlief, aber ihr Schlafsack lag an einer schlechten Stelle, der Boden unter ihr war hart. Der Gasofen war wieder mal ausgegangen, und die bittere Kälte der hoch gelegenen Steppe nagte an ihrem Körper.” Offensichtlich, so schliesst der Leser, ist das Leben von Archäologen manchmal hart und entbehrungsreich (was wiederum zum Abenteurer-Image à la Indiana Jones passt).

Ganz anders dagegen das Bild bei Agatha Christie’s „Mord in Mesopotamien“ (1936, Originaltitel: “Murder in Mesopotamia“). Dort wird während einer Ausgrabung die Frau des Grabungsdirektors ermordet, der Mörder ist, wie Hercule Poirot bald feststellen wird, einer der Archäologen selbst (mehr soll hier nicht verraten werden). Die Geschichte wird aus der Sicht der englischen Krankenschwester Amy Leatheran geschildert, die kurz vor dem Mord engagiert worden war, um sich um die überreizte und nervöse Frau des Grabungsdirektors zu kümmern, und die nun auch zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer Ausgrabung konfrontiert wird. Der sie allerdings eher verständnislos gegenübersteht!

Agatha Christie wählte diesen Schauplatz nicht ohne Grund, war sie doch seit 1930 in zweiter Ehe selbst mit einem Archäologen verheiratet. Sie begleitete ihren Mann, Max Mallowan, regelmässig auf seine Grabungen in Syrien und im Irak und half selbst mit, wusch Keramikscherben, zeichnete, fotografierte und kannte somit alles, was sich auf und rund um eine Grabung abspielt, aus erster Hand. Sie versetzt sich mit großem Vergnügen in die Haut der Londoner Krankenschwester, um darzustellen, wie seltsam so manches auf einer Ausgrabung auf Außenseiter wirkt, und wie schwer sich die Archäologen nicht selten dabei tun, ihr Wissen weiterzuvermitteln. Zumal an Menschen wie Amy Leatheran, die es schlichtweg “für Unsinn halten, sich wegen Menschen und Städten, die seit Jahrtausenden begraben sind, den Kopf zu zerbrechen.”

So wird Nurse Amy kurz nach ihrer Ankunft über die Grabung geführt. Zwar gesteht sie, wenn auch recht widerwillig, dass sie “doch neugierig war, den fast dreitausend Jahre alten Palast zu sehen. Ich fragte mich, was für Paläste es damals gegeben hatte und ob er den Bildern von Tutanchamuns Grabeinrichtung, die ich gesehen hatte, glich. Doch es war nichts zu sehen als Lehm! Schmutzige, etwa einen halben Meter hohe Lehmmauern - das war alles. Mr. Carey führte mich herum und erklärte mir, dass hier der große Hof sei, dass sich dort einige Gemächer befänden, und behauptete an einer anderen Stelle, es gebe dort ein oberes Stockwerk und Gemächer, die an einem zentralen Hof lägen. Ich dachte die ganze Zeit nur: Woher weiss er das?, obwohl ich natürlich zu höflich war, das zu äussern. Es war eine große Enttäuschung für mich. ... Das Haus meiner Tante in Cricklewood würde eine wesentlich schönere Ruine abgeben.” Die Funde beeindrucken sie auch nicht mehr: “im Zimmer lagen allerlei Gegenstände herum, hauptsächlich zerbrochene Gefässe, von denen einige bereits wieder zusammengesetzt waren. ‘Wie schade’, sagte ich, ‘dass das alles so kaputt ist. Lohnt es sich wirklich, das aufzubewahren?’

“Archäologen sind seltsame Menschen”, lässt Agatha Christie die Frau eines Archäologen zu Amy Leatheran sagen, als beide einen herrlichen Sonnenuntergang bewundern, der Archäologe dagegen nur “zerstreut aufblickt, flüchtig ‘Wunderbar, wunderbar’ murmelt, und dann wieder seine Steine und Scherben sortiert. ‘Archäologen sehen nur das, was unter ihren Füssen liegt. Himmel und Horizont existieren nicht für sie’”. Genauso unverständlich ist der an peinliche Sauberkeit gewöhnten Krankenschwester der nachlässige Umgang mit Staub und Erde, den sie bei der Freilegung eines Skeletts beobachten muss: “Mr. Emmott lag auf der Erde und blies von einem gerade ausgegrabenen Skelett den Staub weg. ... Er setzte sich auf, nahm seinMesser und begann vorsichtig, die Erde zu entfernen; ab und zu hielt er inne und blies mit einem Blasebalg oder mit dem Mund weiteren Staub ab, was ich höchst unhygienisch fand. ‘Sie bekommen doch Bakterien in den Mund, Mr. Emmott’, warnte ich ihn. - ‘Bakterien sind meine tägliche Nahrung, Schwester’, entgegnete er gelassen, ‘die schaden einem Archäologen nichts, sie verlieren bald den Mut.’”

Natürlich sind Agatha Christie’s Figuren Karikaturen, und zwar sowohl die Krankenschwester als auch die Archäologen selbst. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt doch in ihnen, und das Buch ist denn auch den zahlreichen archäologischen Freunden der Autorin im Irak und in Syrien gewidmet. Die Figur des Opfers scheint im übrigen von Katherine Woolley inspiriert, Leonard Woolley’s Frau. Agatha Christie hatte sie auf der von Woolley geleiteten Ausgrabung der Königsgräber von Ur (1922-1934) kennengelernt, auf der sie auch Max Mallowan zum ersten Mal traf, der seine archäologische Laufbahn als Assistent von Woolley begonnen hatte.

Zu guter Letzt ist der Ausgriewer dann übrigens doch noch auf eine Figur gestossen, in der der Archäologe als Detektiv fungiert: die von der amerikanischen Autorin Elizabeth Peters geschaffene Amelia Peabody, eine äussert resolute Dame, die ihrem Mann auf seinen Grabungen in Ägypten hilft. Mehr darüber in einer weiteren Folge der Lese-Ecke!.

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buch 2

buch 3

buch 4