Ellen Heinemann

Spurensicherung: Grabung - und danach ?
Einige Gedanken zur Konservierung antiker Bauten am Beispiel von Miecher

in: Den Ausgriewer 1996, Joergang 6, Nummer 6

Die Ausgräber packen 'Traufel', Schaufeln und Eimer (sowie eine Vielzahl anderen Geräts) weg, eine Grabung ist abgeschlossen. Und was passiert dann? Zum einen setzt nun verstärkt die Arbeit in Werkstatt und Labor ein, wo Funde gesäubert, restauriert, dokumentiert, analysiert und ausgewertet werden, was schließlich in den entsprechenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen seinen Niederschlag finden wird. Kehren wir jedoch hier einmal zum Grabungsort selbst zurück und schauen uns dort ein wenig um.

Zum Beispiel an den Kreckelbierg. Hier wurde ein Gräberfeld systematisch erforscht. Davon ist nun nichts mehr zu sehen - die Befunde wurden während der Grabung dokumentiert, die Funde selbst Grabbeigaben, Leichenbrand, Bodenproben - geborgen und zur weiteren Bearbeitung abtransportiert. Einige Resultate der Grabung sind nun bereits im Staatsmuseum zu besichtigen - am Kreckelbierg selbst wurde der Aushub eingeebnet, die Löcher wieder gefüllt, und nun wächst hier wieder das Gras.

Nun aber ein ganz anderes Beispiel: Miecher und seine villa rustica. Ein Gebäude - und sei es auch nur noch mit seinen Fundamenten und etwas aufgehendem Mauerwerk erhalten - kann man natürlich nicht so einfach abtransportieren. Was also damit anfangen? Jahrhundertelang lag die originale antike Bausubstanz unter der Erde und war so in einem stabilen Umfeld geschützt, auch wenn "zuletzt die Feuchtigkeit das wichtigste Bindemittel von Ziegeln oder Wandverputz war"' (Gerhard Weber. In: Günter Ulbert und Gerhard Weber (Hg.): Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung. Stuttgart, 1985, S. 72. ). Mit der Freilegung beginnt jedoch ein "rasanter Austrocknungsprozeß", der zu "weit rascheren Verfallserscheinungen führt, als sie sich an Bauten feststellen lassen, die nie unter die Erde geraten waren" (Hannsjörg Ubl, a.a.O., S. 249).

Dazu kommen in unseren Breiten generell agressive Witterungseinflüsse - Wind und Regen, Winterfrost, stetiger Wechsel von Hitze und Kälte, von Nässe und Trockenheit -, die dem originalen Mauerwerk zusetzen. Aueh Umweltverschmutzung - vor allem sich daraus bildende Säureverbindungen oder auch Salzimmission - können diesen Prozeß noch beschleunigen.

Es muß also etwas gesehehen. Es wieder zuschütten wäre die eine (und vielleicht sogar die einfachste) Möglichkeit. Damit aber wäre der Befund der Öffentlichkeit entzogen, die doch an archäologisehen Stätten stets großes Interesse zeigt und diese gerne besucht. Die Mauern müssen also konsolidiert und konserviert sowie dem allgemeinen Publikum anschaulich und verständlich gemacht werden.

In Miecher wurde die - als erste erforschte - Villa B, wo Pfarrer Kayser 1964 mit der Grabung begonnen hatte, 1968 konsolidiert. Dazu wurden die Mauerkronen mit Waschbeton befestigt, wohl auch ausgewaschene Fugen verschlossen. Die anschließend ausgegrabene (frühere) Villa A wurde 1974 gesichert. Schautafeln erläuterten die Grundrisse und eine Rekonstruktionszeichnung der Villa B vermittelt dem Besucher eine anschauliche Vorstellung, wie diese einmal ausgesehen haben mag.

Doch mit einer derartigen Konsolidierung ist es noch lange nicht getan. In den 80er Jahren verwilderte die Anlage allmählich. Die Vegetation eroberte sich das Gebäude zurück - das vermodernde Herbstlaub verdeckte die Böden, Brombeersträucher wucherten, und die Witterung tat ein übriges.

Ende der 80er Jahre wurde daher erst einmal die Vegetation bekämpft, am Mauerwerk einige Notreparaturen durchgeführt, die verrotteten Schautafeln durch neue ersetzt. Doch manche Schäden sind irreparabel. So sind, um nur ein Beispiel zu nennen, die ursprünglich gut erhaltenen und sichtbaren Bodenplatten in einem Raum der Villa A heute weitgehend zerstört.

Wie schnell der Verfall fortschreitet, konnten wir in den letzten Jahren während der Untersuchung des Gebäudes IV insbesondere am Mörtelestrich und am Wasserputz der Wanne in Raum 2 beobachten, und dies, obwohl die Flächen zum Schutz immer wieder sorgfältig mit Planen abgedeckt wurden.

Soll ein weiterer Verfall verhindert werden, so muß sichergestellt werden, daß die Anlage regelmäßig gepflegt wird. Und dies ist beileibe nicht damit getan, daß zweimal im Jahr das Gras gemäht wird. Der Verein hat sich bei den zuständigen Stellen in den letzten Jahren erneut und wiederholt darum bemüht, daß hier etwas geschieht, und es nicht bei einmaligen Notreparaturen bleibt, die nicht mehr als ein positiver Ansatz für notwendige regelmäßige Begleitmaßnahmen sein können. So kam denn auch ein internationales wissenschaftliches Symposium, das sich 1983 in Kempten (Deutschland) mit dem Thema "Bodendenkmäler und ihre Präsentation" befaßte, zu folgendem Schluß: "Jedes noch so gut konservierte und geschützte Bau- und Bodendenkmal bedarf derselben kontinuierlichen Pflege wie jeder moderne Neubau auch" (Günter Ulbert und Gerhard Weber, a.a.O., S. 295). Nach Erfahrungen in Baden-Württemberg (Dieter Planck, a.a.O., S. 149), müssen Anlagen, die frei zugänglich der Witterung ausgesetzt sind, in einem regelmäßigen Turnus, der meistens nicht mehr als zwei bis drei Jahre umfaßt, nachrestauriert und ausgebessert werden.

Derartige Nachrestaurierungen und Ausbesserungen können letztlich zu dem durchaus kuriosen Resultat führen, daß man dann irgendwann vor etwas steht, was eigentlich schon eine Rekonstruktion zu nennen ist. So stellen Ulbert und Weber dann auch fest, daß es schlußendlich zu fast demselben Ergebnis führt, "ob die originalen Reste ... durch immer wieder erforderliche Aus- und Nachbesserungsarbeiten nach und nach zur Rekonstruktion werden, oder ob besonders gefährdete Teile von vorneherein mit möglichst witterungsbeständigen und dauerhaften Materialien original getreu ersetzt werden." (Günter Ulbert und Gerhard Weber, a.a.O., S. 301).

Will man solche Nachrestaurierungen und Ausbesserungen vermeiden und gleichzeitig die originale Bausubstanz erhalten, so ist in unserem Klima jedenfalls die vollständige Uberdachung erforderlich, und zwar nicht nur mit einem an den Seiten offenen Notdach, sondern mit einem geschlossenen Schutzbau. Und dies stellt natürlich eine kostenaufwendige Lösung dar, die nicht für alle Fundstätten in Betracht gezogen werden kann.

Nun fiel auch bereits ein neues Stichwort, das für manchen Puristen geradezu ein Reizwort ist: die Rekonstruktion. Mit der Rekonstruktion - in die die originale Bausubstanz einbezogen und somit geschützt wird - wird dem Besucher der Zugang zur Vergangenheit sicherlich leichter gemacht: er erhält ein anschauliches Modell im Maßstab 1:1, in dem er herumspazieren und seine Vorstellung spielen lassen kann. Rekonstruktionen können aber immer nur den momentanen Wissensstand spiegeln. Gewinnt die Forschung nene Ergebnisse, so ist die Rekonstruktion schnell in diesem oder jenem Detail überholt.

Eines der bekanntesten Beispiele dafür in Deutschland ist das Limeskastell Saalburg, das bereits 1885-1905 rekonstruiert wurde. So wußte man damals noch nicht, dab die Mauer im Altertum verputzt war, da der Verputz im Befund nicht zu fassen war (der saure Boden zusammen mit relativ hohen Niederschlägen hatte den einstigen Kalkmörtel-Verputz aufgelöst). Man weiß ebenfalls, daß die Zinnenöffnungen der Saalburg in Wirklichkeit viel weiter gewesen sein müssen. Pikanterweise wußte das im übrigen auch schon der damalige Rekonstrukteur. (Dietwulf Baatz vermutet, daß die "falschen" Zinnenöffnungen der Saalburg unmittelbar auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. zurückgehen, der diese von Rekonstruktionen mittelalterlicher Burgen gewohnt war und nun dem Archäologen der Saalburg, der es besser wußte, hineinredete (Dietwulf Baatz, a.a.O., S. 127).

Unumstritten ist heute wohl, daß eine Rekonstruktion als solche auch kenntlich gemacht werden soll. So fordert die Charta von Venedig über die Erhaltung von Kunstdenkmälern und Denkmalgebieten von 1964, jede Ergänzung der originalen Bausubstanz solle sich deutlich sichtbar, wenn auch harmonisch in das Ganze einfügen. Auf diese Grundsätze berufen sich übrigens auch die Arbeiten am Wenzelsweg in der Luxemburger Hauptstadt, wo insbesondere am Bock alte und neue Bauabschnitte leicht erkennbar zu unterscheiden sind. Dies mag auf den ersten Blick nicht immer ästhetisch überzeugend sein, ist aber sicher ehrlicher. Wird dieser Grundsatz nicht befolgt, so geht es dem Besucher vielleicht ähnlich wie Friedrich Hebbel, der 1843 berichtete: "Das Albrecht-DürerHaus in Nürnberg wurde ebenfalls besehen und erregte Empfindungen in mir, die mich später verdrossen, als ich erfuhr, daß es eine moderne Antike, eine restaurierte Altertümlichkeit sei."

Interessanterweise sind Rekonstruktionen heutzutage da noch am ehesten wohlgelitten oder geduldet, wo nur wenig oder fast kein originales Mauerwerk erhalten ist, wie beispielsweise im Archäologischen Park Xanten. So schreiben Ursula Heimberg und Anita Rieche: "Eine wichtige Voraussetzung für das Xantener Experiment ist - paradoxerweise - der relativ schlechte Erhaltungszustand der antiken Substanz. Sie unverfälscht zu bewahren, wäre sonst die vordringlichste Pflicht der Archäologie nach der Ausgrabung.... Wenn jedoch, wie in der CUT (=Colonia Ulpia Traiana), Mauerzüge überwiegend nur noch 'negativ' als Ausbruchsgräben vorhanden sind, so ist die antike Substanz bereits zerstört. Gleichwohl gibt es genügend Spuren und Relikte, die - in sorgfältigen Grabungen erforscht - den einstigen Bestand ausreichend repräsentieren" (Ursula Heimberg, Anita Rieche: Colonia Ulpia Traiana. Die römische Stadt. Planung, Architektur, Ausgrabung. Köln, 1986), und auf die sich die Rekonstruktion stützt.

Ein anderes Beispiel einer neueren Rekonstruktion findet sich an der Tyne-Mündung in South Shields (Nordengland), wo 1988 ein Tor des Kastells Arbeia (das als Nachschublager für die am Hadrian's Wall stationierten Truppen diente) rekonstruiert wurde. Damals war dies ein in der britischen Fachwelt heftig umstrittenes Projekt, das erst nach langwierigen Verfahren abgeschlossen werden konnte. Auch hier ist der Erhaltungszustand der originalen Bausubstanz relativ schlecht. Im übrigen graben sich die Archäologen in Arbeia quasi durch alle Schichten hindurch, um die gesamte Bau- und Siedlungsgeschichte zu erforschen. Es wird also nicht bei einem mehr oder weniger gut erhaltenen Fundament Halt gemacht, das dann konsolidiert wird, sondern man geht zurück bis in die Vorgeschichte, nicht ohne jeden Mauerzug vor seiner Entfernung steingerecht gezeichnet und dokumentiert zu haben. Weitere Gebäude sollen ebentalls noch rekonstruiert werden, was bisher vor allem an mangelnden Finanzen scheiterte.

Xanten, South Shields, aber auch die Saalburg sind jedoch auch ein gutes Beispiel dafür, daß Rekonstruktionen aufgrund ihrer besseren Anschaulichkeit die Besucher ganz besonders anziehen - sowohl Touristen als auch Schulklassen, die hier einen Geschichtsunterricht der besonderen Art erhalten können. Es kann wohl nicht im Interesse der Wissenschaft liegen, sich von Rekonstruktionen abzuwenden, sondern vielmehr, diese so exakt und getreu wie möglich auszuführen und darzulegen, wie sie sich im einzelnen begründen, welche Baudetails belegt sind, welche Phantasie.

In unserem Nachbarland finden sich im übrigen diverse, teils wohl auch schon ältere Beispiele für Rekonstruktionen in nicht allzu großer Entferrlung: der Tempel in Tawern (südlich von Trier), die Villa in Mehring (östlich von Trier), Tempel und einige weitere Bauten in Schwarzenacker bei Homburg/Saar.

Für Miecher dürfte eine derartige Lösung wohl nicht in Frage kommen - schon aus finanziellen Gründen. Doch allein schon das immer wieder bewiesene lnteresse der Besucher, die sich vom Schild "villa romaine" in den Wald locken lassen, sollte es uns zur Pflicht machen, nicht nur den noch offenen Fragen zur Erforschung der gesamten Anlage nachzugehen, sondern auch für die bestmögliche Erhaltung und Präsentation der ausgegrabenen Teile zu sorgen.